Hysterischer Realismus 1: Papier, Ephemera, Memorabilia

10.6. bis 28.7.2017

 

8Q

Albertusstr. 4

50667 Köln

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Idiosynkrasie als Gegenwartsbewältigung

Postskriptum zu René Kemps Hysterischem Realismus

 

 

…wenn aber Hysterie die Fortsetzung der Spekulation mit psychosomatischen Mitteln ist, dann müsste man beizeiten einmal die Frage stellen, wie man nun umgekehrt die sich allmählich bei einem selbst einstellende Gereiztheit nennen möchte, mit der man jetzt seinerseits auf die immer weiter zunehmende Überempfindlichkeiten einer Welt reagiert, die, so scheint es, auf gar nichts anderes mehr als auf ihr eigenes Ende spekuliert. Was sind das für Blähungen und Rötungen? Was ist das für eine Mischung aus Juckreiz und Verzweiflung, mit der man einigermaßen hilflos versucht, sich von dem in Aufruhr versetzten Weltvolkskörper abzusondern? Und hieße nicht, das verstehen zu wollen, dass man sich eben doch noch einmal, wie für eine Übung in Gegenhysterie, vermehrt und mit einer gewissen grausamen Leidenschaft den eigenen Idiosynkrasien widmen müsste, die da feine Linien der Unerträglichkeit durch die Dingwelt und ihre Zwischenräume ziehen wie Elemente einer noch zu etablierenden Wissenschaft vom Wunden Punkt? Idiosynkrasien, so heißt es, beschreiben unverhältnismäßige Reaktionen gegen bestimmte, aber letztlich völlig beliebige Stoffe. Somatische Abwehrimpulse gegen an sich zufällige Konstellationen, eine völlig überdrehte Sensibilität für die Dinge in ihren Zwischenstadien und eine überspannte Wahrnehmung für die ephemeren Verhältnisse, in die sie übergehen. Überreaktionen, die nicht als Immunantworten missverstanden werden dürfen, sondern vielmehr auf eine Unverträglichkeit des gesamten physiologischen Apparats mit seiner Umwelt hinweisen. Nun sagt zwar Adorno, der lyrische Geist reagiere auf die Übergewalt der Dinge, indem er das Einzelne auf etwas Idiosynkratisches absuche, was darin allgemeingültig sein soll, ohne dem Gegenstand seine Singularität zu rauben. Aber was soll das denn für eine Antwort sein, auf die Frage, wie man einigermaßen okay zu leben hat, in einer Zeit, in der allen immer und überall der Schaum vorm Mund steht? Es ist ja auch nicht so, als wäre der lyrische Geist nicht selbst längst in den Zustand seiner Hysterisierung eingetreten, mein Gott, deswegen guckt der ja auch immer so verdruckst und haut ein tweet nach dem anderen raus, und überhaupt scheint Adorno am eigentlichen Punkt doch völlig vorbeizugehen, weil ja in der Idiosynkrasie nicht das Individuelle mit dem Allgemeinen verbunden werden soll, sondern eben das Beliebige mit dem Exzentrischen, Kapriziösen, Unbeständigen. Was soll man denn als schaffender Mensch anderes tun, als ständig Etiketten zu nähen und wieder aufzutrennen, Unvergängliches zurückzunehmen, zu löschen, zu zerknüllen, sich ins Verworfene zu werfen, und dabei immer wieder Verdichtungen herzustellen zwischen den Dingen und den Verhältnissen, an deren Rändern sie sich zeigen, und denen man nichts anderes entgegenzusetzen hat, als die eigene idiosynkratische Mischung aus Trauer und Humor. Sollen wir mit einem Gedichtband nach unserer Panik werfen?

 

Was ist Hysterie schon anderes als die Synthese von Wahnsinn und Methode im Deckmantel der Routine? Wer aber seine Idiosynkrasien der Routine opfert, dem liegt im Grunde nix an gar nichts mehr. Oder anders gesagt: Deine Idiosynkrasie frisst solange das, was die Hysterie ihr hinterlassen hat, bis sich die Frage, was das alles mit dir zu tun hat, in eben genau dem Moment erübrigt, da du feststellst, dass du nur noch kotzen kannst.

 

 

Downer, 2017. Foto: Daniel Helbig
Ibrahim's, 2017. Foto: Daniel Helbig
O.T. (There's a hole in my heart the shape of another award), 2017. Foto: Daniel Helbig
Never Holding X, 2017. Foto: Daniel Helbig

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